Japan verstehen heißt, den Abstand auszuhalten

Es gibt Länder, über die man viel wissen kann, ohne ihnen deshalb nähergekommen zu sein. Vielleicht gehört Japan in besonderem Maße zu ihnen. Kaum eine andere Gesellschaft ist derart dicht mit Bildern umstellt worden, mit Vorstellungen von Höflichkeit und Disziplin, von Kirschblüten und Hochgeschwindigkeitszügen, von Samurai, Manga, Zen, Einsamkeit, Überarbeitung und jener eigentümlichen Verbindung aus Zukunft und Vergangenheit, die westliche Beobachter seit Jahrzehnten fasziniert, weil sie darin etwas erkennen möchten, das ihnen zugleich vertraut und fremd erscheint. Das Problem beginnt dort, wo diese Bilder nicht mehr als Bilder wahrgenommen werden, sondern als Erklärung.

Japan wird dann zu einem Land, das man bereits verstanden zu haben glaubt, bevor man ihm begegnet ist.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich mich noch einmal auf Japan eingelassen habe, diesmal auf zwei Wegen, die zunächst wie Umwege aussehen und gerade deshalb näher an das heranführen können, was sich einer unmittelbaren Beschreibung entzieht. Der eine Weg führt durch die Literatur, der andere durch den Film. Beide Bücher gehören zusammen, ohne voneinander abhängig zu sein, und beide beginnen mit einem Misstrauen gegenüber jener Art von Wissen, die ihre Gegenstände sauber ordnet und dadurch gelegentlich etwas verliert, das sich erst zeigt, wenn die Ordnung unsicher wird.

Denn ein Land ist keine Summe seiner Daten.

Man kann seine Geschichte kennen, seine politischen Systeme beschreiben, seine wirtschaftlichen Entwicklungen verfolgen, seine religiösen Traditionen katalogisieren und seine gesellschaftlichen Regeln erklären, und dennoch bleibt die Frage offen, wie Menschen innerhalb dieser Ordnung leben, was sie verschweigen, was sie voneinander erwarten, wovor sie zurückschrecken und welche Widersprüche sie ertragen, weil sie gelernt haben, mit ihnen zu leben. Gerade diese Zwischenräume interessieren mich.

Literatur und Film sind dafür keine Illustrationen.

Sie erklären Japan nicht, indem sie eine verborgene Wahrheit aussprechen, sondern indem sie zeigen, wo Sprache unsicher wird, wo eine Geste länger dauert, als sie müsste, wo jemand schweigt, obwohl eine Antwort erwartet wird, oder spricht, obwohl längst nichts mehr zu sagen wäre. Eine Gesellschaft verrät sich nicht nur in ihren Gesetzen und Institutionen, sondern auch darin, welche Geschichten sie erzählt und welche Geschichten sie immer wieder erzählen muss.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Ausgangspunkt der beiden Bücher.

Nicht: Was ist Japan?

Sondern: Was geschieht mit unserem Bild von Japan, wenn wir aufhören, diese Frage zu schnell beantworten zu wollen?

In der Literatur begegnen uns Menschen, deren Verhältnis zur Gesellschaft selten so eindeutig ist, wie es eine kulturwissenschaftliche Erklärung gern hätte. Sie gehorchen und widersetzen sich gleichzeitig, sie wünschen sich Nähe und verteidigen ihre Distanz, sie leiden an Ordnungen, deren Verlust sie zugleich fürchten würden. Die Konflikte entstehen nicht immer dort, wo wir sie erwarten. Manchmal liegt das Entscheidende nicht in einer großen Handlung, sondern in einer Verschiebung, einer Auslassung, einem Satz, der nicht beendet wird, oder in einer Erinnerung, die sich hartnäckiger erweist als die Gegenwart.

Der Film besitzt dafür andere Mittel.

Ein Zimmer kann erzählen, bevor jemand es betritt. Eine Straße kann mehr über eine Epoche sagen als ein historischer Kommentar. Der Abstand zwischen zwei Menschen kann zu einer gesellschaftlichen Aussage werden, ohne dass irgendeiner von ihnen darüber sprechen müsste. Das Kino zwingt uns hinzusehen, aber es garantiert nicht, dass wir verstehen, was wir sehen, und vielleicht ist gerade diese Unsicherheit produktiv.

Denn das Fremde beginnt nicht dort, wo etwas unverständlich ist.

Es beginnt möglicherweise dort, wo wir etwas zu schnell verstehen.

Japan ist für westliche Betrachter besonders anfällig für solche schnellen Übersetzungen. Schweigen wird zu Harmonie, Höflichkeit zu Unterordnung, Tradition zu Unveränderlichkeit, technische Moderne zu Zukunftsgläubigkeit. Aus Beobachtungen entstehen Muster, aus Mustern Erklärungen und aus Erklärungen schließlich jene Gewissheiten, die nur deshalb stabil wirken, weil alles ausgeschlossen wurde, was ihnen widerspricht.

Doch Gesellschaften bestehen aus ihren Widersprüchen.

Ein Mensch kann eine Ordnung verteidigen, die ihn beschränkt. Eine Familie kann Schutzraum und Gefängnis zugleich sein. Gemeinschaft kann Einsamkeit hervorbringen, während Individualismus keineswegs automatisch Freiheit bedeutet. Vergangenheit verschwindet nicht deshalb, weil Hochhäuser gebaut werden, und Modernität löscht Tradition nicht aus, sondern zwingt sie häufig nur dazu, ihre Gestalt zu verändern.

Das Japan, das mich in diesen Büchern beschäftigt, ist deshalb kein abgeschlossenes Japan.

Es ist eines, das sich bewegt, manchmal sichtbar, manchmal unterhalb jener Oberfläche, auf der die bekannten Bilder weiterbestehen. Ein Land, dessen gesellschaftliche Veränderungen sich nicht immer dort ereignen, wo Schlagzeilen sie vermuten lassen, und dessen Kontinuitäten gelegentlich gerade in den Momenten sichtbar werden, in denen scheinbar alles neu geworden ist.

Dabei geht es weder darum, Japan zu idealisieren, noch darum, die Faszination durch Entzauberung zu ersetzen. Beides wäre zu einfach. Bewunderung kann ebenso blind machen wie Ablehnung, und die vermeintliche Ernüchterung desjenigen, der behauptet, hinter die Kulissen gesehen zu haben, produziert oft nur ein zweites Klischee.

Mich interessiert etwas anderes: die Möglichkeit, einen Blick länger auszuhalten.

Nicht sofort zu urteilen, wo ein Widerspruch auftaucht. Nicht jede Fremdheit in eine vertraute Kategorie zu übersetzen. Nicht von einzelnen Beobachtungen auf ein ganzes Volk zu schließen. Und gleichzeitig auch jene romantische Höflichkeit abzulegen, die das Fremde unangetastet lassen möchte, weil jede genauere Betrachtung den Zauber gefährden könnte.

Verstehen bedeutet nicht Schonung.

Es bedeutet auch nicht Besitz.

Vielleicht ist Verstehen überhaupt weniger ein Zustand als eine Bewegung, die in dem Moment wieder beginnt, in dem wir glauben, angekommen zu sein.

Die beiden kommenden Bücher, „Japan durch seine Literatur verstehen“ und „Japan durch seine Filme verstehen“, sind aus dieser Bewegung entstanden. Sie sind keine Literaturgeschichte und keine Filmgeschichte, keine Sammlung von Rezensionen und auch kein Reiseführer durch kulturelle Besonderheiten. Literatur und Film dienen darin vielmehr als Zugänge zu einer Gesellschaft, die sich in ihren Geschichten häufig deutlicher zeigt als in ihren Selbsterklärungen.

Dabei werden bekannte Werke neben weniger erwartbaren stehen, vertraute Bilder ihre Selbstverständlichkeit verlieren und manche Fragen offenbleiben müssen, weil gerade die offene Frage genauer sein kann als eine vorschnelle Antwort.

Vielleicht ist das auch eine der Erfahrungen, die Japan lehrt, wenn man bereit ist, nicht nur hinzusehen, sondern den eigenen Blick mit zu beobachten.

Wir sehen niemals nur ein anderes Land.

Wir sehen auch die Erwartungen, die wir dorthin mitbringen.

Und manchmal beginnt das eigentliche Verständnis erst in dem Augenblick, in dem diese Erwartungen nicht mehr tragen.